Für einen Richtungswechsel – hin zu einer Wirtschaft, die der Gemeinschaft dient

Das TGF-Team

Im Zentrum unseres Handelns bei The Good Food steht die Frage, wie wir in unserer Gesellschaft mit Lebensmitteln umgehen. Ihr wisst es alle: Die Antwort „verschwenderisch“ wäre noch geschmeichelt. Jedes Jahr werden in Deutschland viele Tonnen Lebensmittel vernichtet, in der Produktion, im Handel und in den Haushalten. (Mit verlässlichen Zahlen dazu ist es so eine Sache, wie Stefan Kreutzberger uns im Interview erklärt hat, aber die Mengen sind auf jeden Fall riesig.)

Ein zerstörerisches Wirtschaftsmodell

Die horrende Lebensmittelverschwendung wird durch eine Wirtschaftsweise begünstigt, die die Maximierung von finanziellem Gewinn als Ziel des wirtschaftlichen Handelns begreift, meist gemessen als sogenanntes BIP (Bruttoinlandsprodukt).

Längst ist offensichtlich, dass diese Art des Wirtschaftens an „natürliche“ Grenzen stößt: Fruchtbare Böden, sauberes Wasser und Rohstoffe gehen zur Neige, die Artenvielfalt sinkt in erschreckendem Maße, die Plastikverpackungen vermüllen Land und Gewässer, der Ausstoß an klimaschädlichen Gasen ist so hoch, dass er das Überleben der gesamten Menschheit bedroht. Die Liste ließe sich fortführen.

Die marktbeherrschende Position bestimmter Handelsriesen, Lobbyismus und Subventionen, bei denen Nachhaltigkeit keine Rolle spielt (siehe die Agrarsubventionen der EU, ebenfalls Thema im Interview mit Stefan Kreutzberger), heizen diese Gefahren zusätzlich an. Zugleich wächst die soziale Ungleichheit. Was dagegen für die allermeisten Menschen in Deutschland nicht wächst, ist die Lebensqualität. Denn ab einem gewissen Maß an Wohlstand tragen das Mehr-Haben und die immer noch größere Auswahl an Waren nicht mehr zur Zufriedenheit bei, wie vor kurzem erneut wissenschaftlich gezeigt wurde.

Der Glaube an immer weiteres BIP-Wachstum erscheint vor diesem Hintergrund geradezu aberwitzig. Ganz klar: Neue Perspektiven, anders gedachte Wirtschaftsentwürfe, gemeinschaftliche Praktiken müssen her. Es gibt viele gute Initiativen in diese Richtung, und auch wir möchten mit The Good Food einen kleinen Teil dazu beitragen.

The Good Food weist auf die Verschwendung hin

Wie machen wir das? Ein zentrales Ziel von The Good Food ist es, auf die Verschwendung von Lebensmitteln hinzuweisen. Einen Bruchteil der üblicherweise vernichteten Waren können wir mit eurer Hilfe retten. Das ist schön, macht Spaß und schafft eine lokale Community aus den unterschiedlichsten Menschen. Aber das eigentliche Problem besteht natürlich fort. Wir können es nicht oft genug sagen: Es gäbe für uns nichts Schöneres, als dass The Good Food einmal überflüssig wird!

Ein Systemwandel ist nötig

Unser Ziel ist es nicht, mit dem Lebensmittelretten reich zu werden, in großem Maßstab zu expandieren, ein Retter-Imperium zu gründen. Sondern eben, Bewusstsein zu schaffen und damit auf Veränderung zu drängen. Es braucht eine veränderte Gesetzgebung, Wirtschafts- und Subventionspolitik, um die zerstörerische Dynamik zu durchbrechen. Es muss für die verschiedenen Akteur:innen, angefangen bei Produktion und Handel, attraktiv werden, nachhaltig zu wirtschaften und Verschwendung zu vermeiden. Denn im aktuellen System ist es leider so, dass sich die Vernichtung von Lebensmitteln für Erzeugerbetriebe und Handel günstiger ist, als sie zu spenden, umzuetikettieren oder umzupacken.

Gute Lebensmittel zum „Zahl, was es dir wert ist“-Preis

Zu den Zielen von The Good Food gehört außerdem, wertvolle Lebensmittel – oft in Bioqualität – auch den Menschen zugänglich zu machen, die wenig Geld haben. Deshalb darf bei uns jede:r zahlen, was sie oder er möchte – mit der kleinen Einschränkung, dass winzige Centbeträge für große Einkäufe natürlich unangemessen sind. Das heißt bei uns „Zahl, was es dir wert ist“-Prinzip.

Unsere Einnahmen dienen nicht der Gewinnmaximierung oder Expansion, sondern sind schlichtweg notwendig, um The Good Food am Laufen zu halten. Sie finanzieren vor allem die Miete der Ladenlokale, Transporte und Pfandvorauszahlungen sowie einige wenige Gehälter. Darüber hinaus tragen die mittlerweile fast 100 ehrenamtlichen Helfer wesentlich zum Gelingen des Projekts bei.

Es ist etwas in Bewegung: spannende Ansätze

Wenn wir von Systemwandel sprechen: Wie könnte ein System aussehen, das sozial gerechter und ökologisch sinnvoller ist? Dazu gibt es eine ganze Reihe interessanter Ansätze und Projekte.

Der Autor und Aktivist Christian Felber hat zum Beispiel die internationale Bewegung „Gemeinwohl-Ökonomie“ ins Leben gerufen, die nicht nur theoretisch, sondern auch ganz praktisch eine nachhaltigere, am Menschen orientierte Wirtschaft auf den Weg bringen möchte. In der Gemeinwohl-Ökonomie soll Geld ein Mittel zum Zweck sein, nicht selbst der Zweck des Wirtschaftens. Das Ziel ist vielmehr das Gemeinwohl, Menschen und Beziehungen stehen im Mittelpunkt. Auf der Website der Bewegung wird die Idee sehr gut und verständlich erklärt.

Der Ökonom Niko Paech entwickelte den Begriff „Postwachstumsökonomie“, der die Ablösung des bisherigen Wachstumsstrebens in der Wirtschaft durch einen „sozialverträglichen Rück- und Umbau des Industriesystems“ beschreibt. Dazu brauche es unter anderem „Boden-, Geld- und Finanzmarktreformen“ und ein generelles Umdenken in der Gesellschaft. Statt des Über-Konsums stellen die Menschen in seiner Vision mehr selbst her, reparieren das, was nicht mehr funktioniert, teilen Güter und sind überhaupt wieder mehr auf die Gemeinschaft ausgerichtet. Siehe dazu auch seine Website.

Klar passiert ein größerer gesellschaftlicher Wandel nicht von heute auf morgen. Die Politökonomin und Transformationsforscherin Maja Göpel sagt dazu auf ihrer Website: „[…] auch wenn eine Transformation zur Nachhaltigkeit in der Tat sehr groß erscheint, so wird sie aus den vielen kleinen Schritten vieler Menschen entstehen – Menschen die nicht mehr fragen, ob das alles realistisch ist, sondern schlicht loslegen, weil es so sinnvoll erscheint.“

Maja Göpel geht sehr konstruktiv und pragmatisch an die Thematik heran und bemüht sich dabei um vermittelnde Sprache. Im Interview mit der taz erklärt sie am Begriff “Degrowth” (der als Gegensatz zum herkömmlichen Wachstumsbegriffs gebraucht wird): “Ich vermeide den Begriff aber, da wir uns keinen Gefallen tun mit dem ewigen Streit über Wachstum oder nicht. Alle Ökonomen sind sich einig – zumindest außerhalb der Medien –, dass BIP-Wachstum nicht das Ziel von Politik sein sollte, sondern Wohlfahrt. Wenn wir nur noch Wachstum messen können, solange wir die Schadschöpfung von Produktionsprozessen aus der Bilanz ausblenden, dann ist ein steigendes Bruttoinlandsprodukt (BIP) keine Erfolgsgeschichte. Für mich ist die zentrale Frage deshalb folgende: Wie schaffen wir hohes Wohlergehen für alle innerhalb planetarer Grenzen und gewinnen dadurch idealerweise ökonomische Stabilität zurück? Dafür müssen wir Investitionen und Innovationen auch darauf ausrichten, Corona hat doch gezeigt, dass ökonomische Instrumente Mittel und nicht Ziele sind.”

Pragmatisch denkt auch der Sozialpsychologe Harald Welzer. „Ich habe […] eine Vorstellung von einem Mosaik aus, wie ich es nenne, Heterotopien. Damit meine ich konkrete Utopien, Veränderungen an einzelnen Stellen, als Wegmarken für einen Pfadwechsel“, sagte er 2019 in einem Interview mit GEO. Er skizzierte dort auch das sogenannte 80/20-Modell, das die ehrenamtliche Tätigkeit als „enorm wichtige Ressource für den Zusammenhalt und das Funktionieren moderner Gesellschaften“ fördern möchte. Damit sich alle einbringen können, soll jeder ein Fünftel der Ausbildungs- und Arbeitszeit dafür nutzen können, etwas für das Gemeinwesen zu tun. Klingt nach einer super Maßnahme, die sicher viele kreative Projekte anstoßen würde!

(Wollt ihr tiefer ins Thema einsteigen? Alle genannten und viele weitere Expert:innen halten auch Vorträge zum Thema. Sucht einfach mal im Web, dann findet ihr schnell viele interessante Videos.)

Unser Beitrag

Wir finden unsere eigenen Ziele in den skizzierten Ansätzen wieder:

  • The Good Food will nicht wachsen um des Wachsens willen. Wenn wir wachsen, dann organisch. Und weil wir so noch mehr gute Lebensmittel auf eure Teller bringen können, nicht aber aus finanziellen Gründen.
  • Wir möchten Menschen zusammenbringen und sind glücklich über das große Team und unsere vielen tollen Kund:innen, die oft nicht nur zum Einkaufen, sondern auch für den Austausch zu uns kommen. Das stärkt den lokalen Zusammenhalt.
  • Natürlich möchten wir dazu beitragen, dass weniger Ressourcen verschwendet werden.
  • Last but not least: The Good Food beweist, dass es Spaß macht, etwas für die Gemeinschaft zu tun und dass diese Art von Arbeit zwar nicht reich macht, aber dennoch sehr befriedigend ist.

Wir bleiben also dran und freuen uns zugleich über alle anderen Organisationen und Initiativen, die Ideen für eine andere Art des Wirtschaftens entwickeln.

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