Ein Interview mit Valentin Thurn zum Tag der Lebensmittel-Verschwendung

Foto: Alex Weiß

Weltweit werden so viele Lebensmittel weggeworfen, dass praktisch die gesamte Lebensmittelerzeugung von vier Monaten in der Tonne landet. Der „World Wide Fund For Nature“ (WWF) rief daher 2016 den 2. Mai zum ersten Mal symbolisch als den „Tag der Lebensmittelverschwendung“ aus.

Valentin Thurn hat als Dokumentarfilmer vor knapp 10 Jahren mit „Taste The Waste“ auf das Problem aufmerksam gemacht, „Foodsharing e.V.“ mitbegründet und ist Vorsitzender des „Ernährungsrat Köln und Umgebung“. Wir haben mit ihm gesprochen, um mehr über den aktuellen Stand zum Thema Lebensmittelverschwendung in der Politik zu erfahren.

Hallo Valentin, wie kam dein Engagement für Lebensmittelverschwendung eigentlich zustande?

Ich habe eine Reportage über Mülltaucher (Containern) gemacht und war geschockt über die Mengen, die weggeworfen werden das konnte ich kaum begreifen. Tatsächlich hat das aber auch einen biografischen Hintergrund: Meine Mutter war im Krieg im Lager und hat Hunger am eigenen Leib erfahren. Als Kinder hat uns das „Essen ist heilig, wegwerfen eine Sünde“ manchmal schon genervt, es hatte dann aber doch eine nachdrückliche Wirkung. Lebensmittelverschwendung ist ein Thema, das nicht nur weltweit von Bedeutung ist, sondern auch Menschen aus allen Schichten anspricht und beschäftigt. Jeder fühlt sich ein bisschen mitschuldig, und das zurecht.

Wir alle sind gefragt, Lebensmittel im eigenen Haushalt vor der Tonne zu bewahren – doch wo können wir konkret ansetzen, um die Verschwendung zu reduzieren, die bereits in der Lieferkette stattfindet?

Tatsächlich denke ich, man muss politisch etwas dagegen machen! Wir haben aktuell eine Politik, die nur an den Endverbraucher appelliert und die Wirtschaft vollkommen ungeschoren lässt. Einige wenige gehen voran, aber die meisten reagieren nur auf ökonomische Rahmenbedingungen, also wenn die Regierung das Wegwerfen von Produkten mit Zahlungen bestrafen oder andersherum das Nicht-Wegwerfen mit Steuervorteilen belohnen würde. Momentan ist es so, dass ein Supermarkt-Chef, der einen Sack mit einer faulen Orange wegwirft, ökonomisch gesehen durchaus sinnvoll vorgeht. Da Lebensmittel so billig sind, kostet die Arbeitskraft, um die eine faule Orange rauszuholen und die anderen wieder neu zu bepreisen, mehr als der Rohstoff selbst. 

Wie kann es sein, dass es nicht im Interesse unserer PolitikerInnen ist, sich gegen Ressourcenverschwendung einsetzen, was zudem auch noch unseren CO2-Fußabdruck verringern würde?  

Die Lobbys sind in Berlin und Brüssel sehr stark verankert. Wir haben das mal im Agrarausschuss im Bundestag untersucht. Die maßgeblichen Abgeordneten und vor allem die CDU/CSU haben Nebenposten in Aufsichtsräten und anderen Gremien der Ernährungsindustrie und verdienen einfach mit daran, dass diese Verschwendung weiterläuft. Wenn alle weniger wegwerfen, dann verkaufen die auch weniger für Großunternehmen ist das nicht interessant.
Diejenigen, die Qualität verkaufen und an dieser Abwärtsspirale der Preise leiden, haben schon eher begriffen, dass sie etwas für mehr Wertschätzung tun müssen, aber das ist leider nicht die Mehrheit der Branche. 
Wir brauchen mehr Wertschätzung für Lebensmittel, Qualitätsbewusstsein und eine Bereitschaft, faire Preise zu zahlen. Das entsteht durch mehr Kontakt zwischen Verbrauchern und Bauern oder wenn die Verbraucher in Urbanen Gärten selbst zu Erzeugern werden.

Können wir aktuell also keine Gesetze gegen Lebensmittelverschwendung erwarten?

Also es gibt schon Druck von verschiedenen und auch großen Vereinen: WWF, deutsche Umwelthilfe, Foodsharing, aber die konnten sich bislang nicht durchsetzen. Die Regierung hat einen Aktionsplan erlassen und sorgt für eine Plattform, auf der sich Unternehmen treffen, um gemeinsam zu diskutieren, was sie denn für geeignet halten. Das alles jedoch auf freiwilliger Basis. Wer das dann machen will, schön, wer nicht, der macht es halt nicht. Ich halte das für völlig ineffektiv und sinnlos. 
CDU-Politikerin Julia Klöckner, Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft, steht jedes Jahr auf der Bühne, um den Bundespreis „Zu gut für die Tonne“ zu verleihen. Schöne Sache, dass Unternehmen und Initiativen, die vorangehen, ausgezeichnet werden, und deswegen sitze ich ja auch mit in der Jury. Ich erlaube mir dann bei der Preisverleihung jedes Jahr von neuem die Ministerin zu kritisieren, dass sie nichts wirksames gegen die Verschwendung unternehmen. Aber das ändert überhaupt nichts. Eigentlich ist das Kasperltheater.

Ist denn aufgrund von Covid-19 und einer möglichen damit einhergehenden Ernährungskrise ein höheres Interesse bei Politikern und in der Bevölkerung festzustellen, was die Ernährungswende angeht?

Ja, die Menschen haben begriffen, dass die internationalen Lieferketten brüchig sind. Vietnam stellt den Reis-Export ein, Kasachstan den Weizen-Export. Doch was heißt das jetzt genau? Wir werden in den nächsten Wochen daran erinnert werden, was das heißt, denn eins ist klar: Die Lebensmittelpreise werden steigen. Wegen Corona, weil die Lieferketten so anfällig sind, aber auch wegen dieser Megadürre, die gerade anfängt. 
Wenn wir da auf den Weltmarkt vertrauen, heißt das ja gleichzeitig auch, darauf zu vertrauen, dass die Mengen, die in aller Welt eingekauft werden, immer vorhanden sein müssen. Vor acht Jahren war es ein Vulkanausbruch, der den Flugverkehr lahmgelegt hat, vor 11 Jahren war es ein Börsenboom, der Agrar-Rohstoffe verteuert hat und jetzt ist es eben eine Pandemie. Die Lieferketten sorgen überall auf der Welt für Hungerkrisen, nur uns geht es dennoch vergleichsweise gut, weil wir so viel Geld haben. Langsam beginnen Menschen zu begreifen, dass in Krisenfällen selbst auch das nichts mehr nützen könnte. Wir dürfen nicht vergessen: Wir importieren die Hälfte aller Lebensmittel, die wir essen. Die Grundversorgung sollte jedoch aus den jeweiligen Regionen kommen. Wenn Luxuswaren importiert werden und dann wegfallen, ist das nicht so schlimm. Als Leitfaden für die Zukunft haben wir im Ernährungsrat mit ExpertInnen und BürgerInnen eine Ernährungsstrategie erarbeitet, die aktuell von der Stadt Köln diskutiert wird. 

Wann ist mit dem Preisanstieg für Lebensmittel zu rechnen?

Das Problem mit den Erntehelfern und die Dürre führen dazu, dass die Bauern vieles nicht mehr aussäen können, oder sie haben ausgesät und es geht nicht an. Es wird schon auch vieles weiterhin angebaut werden, aber es wird teurer werden, weil es einfach weniger ist. Ab Beginn der Erntezeit, also ab Mai/Juni, ist daher mit einem Preisanstieg von Lebensmitteln zu rechnen.

Danke, Valentin, für deine Auskunft und dein Engagement gegen Lebensmittelverschwendung!

Übrigens, in den aktuellen Corona-Zeiten finden Webinare mit Valentin Thurn zu relevanten Themen auf Spendenbasis statt (Richtwert 5 Euro). Holt euch hier Infos für die nächste Veranstaltung und seid bei einem informativen Online-Event dabei.

Foto Alex Weiß: Valentin Thurn beim Lebensmittelretten


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