Zum Tag der Lebensmittel-verschwendung: Jedes Radieschen zählt!

Der 2. Mai ist Tag der Lebensmittelverschwendung – was es mit diesem Tag auf sich hat, warum jedes Radieschen zählt und was Nicole auf der #ReduceFoodWaste Conference in Wien erlebt hat, berichten wir Euch hier.

Der 2. Mai ist „Tag der Lebensmittelverschwendung“ – warum eigentlich?

Der 2. Mai ist seit 2016 symbolischer Tag der Lebensmittelverschwendung. Vor 3 Jahren hat der WWF diesen Tag ins Leben gerufen, weil wir laut Berechnungen des WWF in Deutschland fast 1/3 unserer Lebensmittel wegwerfen. Bildlich bedeutet dies, dass wir in Deutschland alle Nahrungsmittel, die vom 1. Januar – 2. Mai jeden Jahres produziert wurden, in die Tonne werfen.

Warum werden so viele Lebensmittel weggeworfen?

Sucht man nach der Antwort, warum so viele Lebensmittel weggeworfen werden, so findet man heraus, dass die gesamte Produktions- und Lieferkette betroffen ist – vom Bauern/Hersteller über den Transport, die Gastronomie, den Handel, bis hin zum Endverbraucher.

Die Tatsache, dass viel zu viele Lebensmittel weggeworfen werden, ist jedoch nur ein Symptom eines viel tiefer liegenden Problems: Westliche Wohlstands- und Industrienationen brauchen wieder Respekt vor Lebensmitteln  und Ressourcen sowie ein Bewusstsein für die Auswirkungen unseres täglichen „foodprints“.

Lebensmittelverschwendung – verheerend und absurd

Deutsche Haushalte werfen jährlich Lebensmittel für 20 Mrd Euro weg – so viel wie der Jahresumsatz von Aldi in Deutschland.  Das Essen, das wir in Europa im Müll entsorgen, würde zwei Mal reichen, um alle Hungernden der Welt zu ernähren. Rund die Hälfte unserer Lebensmittel – bis zu 20 Millionen Tonnen allein in Deutschland – landet im Müll. Das meiste schon auf dem Weg vom Acker in den Laden, bevor es überhaupt unseren Esstisch erreicht: jeder 2. Kopfsalat, jede 2. Kartoffel und jedes 5. Brot.*

Die Folgen reichen weit, denn die Auswirkungen auf das Weltklima sind verheerend. Die Landwirtschaft verschlingt riesige Mengen an Energie, Wasser, Dünger und Pestiziden, Regenwald wird für Weideflächen gerodet. Mehr als ein Drittel der Treibhausgase entsteht durch die Landwirtschaft. Ein Viertel des weltweiten Wasserverbrauchs wird für den Anbau von Nahrungsmitteln verwendet, die später auf dem Müll landen.*

Diese Fakten sind nur ein kleiner Ausschnitt der Ausmaße der Lebensmittelverschwendung. Unzählige Dokumentationen und Berichte erzählen die gleiche verheerende und absurde Geschichte. Eine Geschichte, die die Industrienationen selbst geschrieben haben: Viel zu viele genießbare Lebensmittel landen im Müll. Durch diese unnötige und absurde „Produktion für die Mülltonne“ vernichten wir wertvolle Ressourcen. Die Lebensmittelverschwendung in westlichen Industrienationen ist damit unmittelbar mit dem Klimawandel verbunden.

*Quelle: Stefan Kreutzberger & Valentin Thurn

Du bist, was du rettest: Kleine Veränderungen, große Wirkung

Beim Blick auf diese Fakten scheint das Problem der Lebensmittelverschwendung fast unlösbar. Die Idee von THE GOOD FOOD ist jedoch aus der Überzeugung entstanden, dass Veränderung im Kleinen anfängt.

Wir sind davon überzeugt,
dass jedes Radieschen, das wir retten, zählt
…dass wir uns als westliche Gesellschaft keine Lethargie des Wegschauens mehr leisten können
…dass Lebensmittelverschwendung JEDEN etwas angeht
…dass jeder Einzelne jeden Tag Lebensmittel retten kann

Wir brauchen Politiker und Manager
, die sich ihrer Verantwortung bewusst werden und beginnen, mutige Entscheidungen zu treffen, die von echten nachhaltigen ökologischen Prioritäten geleitet sind und nicht nur von wirtschaftlichen. Innerhalb der „Sustainable Development Goals“ (SDG, Ziele für eine nachhaltige Entwicklung) haben sich die vereinten Nationen zum Ziel gesetzt, die Lebensmittelverschwendung bis 2030 zu halbieren – Deutschland hat sich diesem Ziel ebenfalls verschrieben. Um dieses zu erreichen, brauchen wir Gesetze und Taten. Vor allem aber darf Nachhaltigkeit keine politische Option (sondern ein Muss) und kein Marketing Instrument mehr sein. Echte Nachhaltigkeit muss allgegenwärtig als Entscheidungsrichtlinie und Messinstrument gelten.

Wir brauchen „Einfach-mal-Macher“, Umdenker, Querdenker und Start-Ups, die vorhandene Muster durchbrechen, Möglichkeiten zum Lebensmittel retten aufzeigen und Gemeinwohl-orientierte Diskussionen entfachen.

Wir brauchen Verbraucher, die sich ihrer Verantwortung bewusst werden und beginnen, beim Kauf und Verzehr von Lebensmitteln nachhaltig und aktiv zu entscheiden, statt nur zu konsumieren, was in den Supermarkt Regalen angeboten wird. Das allgemeine nachhaltige Credo „Re-duce. Re-use. Re-cycle“ heißt in punkto Lebensmittel „Re-duce. Choose. Use.

Lebensmittel retten im Alltag

Lebensmittel retten muss zu einer neuen Selbstverständlichkeit werden, Lebensmittel wegwerfen zu einem absoluten No-Go, „Du bist was du isst“ zu einem „Du bist, was du rettest“.

Mit dem THE GOOD FOOD „Re-duce. Choose. Use.“ Prinzip kannst Du ganz einfach jeden Tag Lebensmittel retten:

Re-duce – plane Deine Einkäufe ganz bewusst:
Welche Lebensmittel brauche ich? Wie viele Lebensmittel brauche ich?

Choose – entscheide Dich ganz bewusst:
Wo kaufe ich ein? Was hat gerade Saison? Wie verarbeite ich alles, was ich eingekauft habe (oder gefriere es ein / verschenke es)? Wie lagere ich frische Lebensmittel richtig?

Use verarbeite jedes Lebensmittel, das Du gekauft hast und werfe nichts weg. Gar nichts:
Wenn Du nicht alles verarbeiten/aufessen kannst, dann friere es ein, verschenke es oder lasse es Dir im Restaurant einpacken.

Jeder von Euch, der bei THE GOOD FOOD einkauft, jeden Tag Lebensmittel rettet und mit Freunden und Familie über dieses Thema spricht ist ein Teil dieser Veränderung. Und dafür sagen wir: DANKE! Jeder von Euch zählt.

#Reducefoodwaste Conference in Wien

Am 25-26.04. fand die „Conference on Food Waste Prevention and Management“ an der „University of Natural Resources and Life Science“ in Wien statt. Ziel der Konferenz war es, verschiedene Akteure an 2 Tagen zusammen zu bringen, um in Präsentationen und Workshops neue Forschungsergebnisse, Lösungsansätze, Inspirationen, Herausforderungen und positive Umsetzungs-Möglichkeiten vorzustellen und zu diskutieren. Nicole war dabei, hat THE GOOD FOOD vorgestellt und an Workshops und Seminaren teilgenommen.

Nicole’s Eindrücke aus Wien teilen wir hier mit Euch:

Die Konferenz wurde von „interreg Central Europe“ veransteltet unter dem Motto „STREFOWA“. Für was steht die Organisation und das Motto?

interreg Central Europe ist eine Initiative der Europäischen Union. Das Programm setzt sich für die Zusammenarbeit über die Ländergrenzen innerhalb Zentral-Europas ein und fördert Initiativen mit einem Fokus auf Innovation, Schutz von natürlichen und kulturellen Ressourcen, Transport und Reduzierung des „Carbon Footprints“ .
STREFOWA steht für „STRATEGIES TO REDUCE FOOD WASTE IN CENTRAL EUROPE“

Beim Thema Lebensmittelverschwendung fällt oft der Ausdruck „Circular Economy“ – was bedeutet dies?

„Circular Economy“ bedeutet übersetzt „Kreislaufwirtschaft“. Das Ziel der Kreislaufwirtschaft ist es, den Ressourcen-, Energieinsatz, die Emissionen und die Abfallproduktion zu minimieren, indem Energie- und Materialkreisläufe verlangsamt, verringert oder geschlossen werden. In diesem Sinne ist die Kreislaufwirtschaft ein elementarer Ansatz, um die Lebensmittelverschwendung entlang der gesamten Lieferkette zu minimieren, indem Abläufe und Ressourcen-Einsatz in einer nachhaltigeren Lebensmittel-Industrie optimiert werden.

Welche neuen Forschungsergebnisse bzgl. Lebensmittelverschwendung/-rettung gibt es?

Lebensmittelverschwendung ist ein globales Phänomen, das sich zunehmend verschärft. Gleichzeitig besteht ein großes Potential, dies zu ändern.

Was beim Vermeiden von unnötigen Lebensmittelabfällen wichtig ist, ist zu wissen, wo entlang der gesamten Lieferkette die Lebensmittel-verschwendung genau passiert und warum, um dann genau dort mit neuen nachhaltigen Lösungen anzusetzen. Eine Herausforderung sind jedoch Datenlücken. Wir wissen zwar rechnerisch um das Gesamtausmaß der Lebensmittelverschwendung – in Deutschland bis zu 20 Millionen Tonnen jährlich* – ein kontinuierliches und kausales Tracking entlang der gesamten Lieferkette findet jedoch nicht statt. D.h. wir wissen z.B. nicht im Detail wie viel je Obst- und Gemüsesorte monatlich auf den Feldern liegen bleibt und warum genau.

Es gibt jedoch einige Studien, die anhand von Fallbeispielen Licht in diese Datenlücken bringen.

*Quelle: Stefan Kreutzberger & Valentin Thurn

Welche neuen interessanten Lösungsansätze / Start-Ups zum Retten von Lebensmitteln hast Du in Wien kennengelernt?

Viele Start-Ups und Initiativen waren vertreten und haben sich mit ihren Erfahrungen, Ideen und Berichten über Hürden, die es zu nehmen gilt beteiligt. Zum Beispiel hat Cornelia von „Unverschwendet“  (https://www.unverschwendet.at) über ihre Herausforderung der Logistik gesprochen. Cornelia verarbeitet sehr erfolgreich überschüssiges Obst z.B. zu leckeren Marmeladen und Chutneys und stellt sich der Aufgabe, von vielen verschiedenen Landwirten und Unternehmen das aussortiere Obst abzuholen bzw. sich liefern zu lassen.  Im gleichen Workshop saß der Geschäftsführer von „Issmich“ (https://www.issmich.at), der überraschenderweise genau das Gegenteil berichtete: Für ihn sei Logistik kein großes Thema, da er 1x im Monat einen riesigen LKW voller Aussortiertem geliefert bekäme und sich dann an’s Verarbeiten macht. Wir von THE GOOD FOOD können da nur Cornelia beipflichten, denn auch für uns ist Logistik eine riesige organisatorische Aufgabe, die sehr viel Zeit, Energie und Geduld verlangt.

Übrigens war die komplette Verpflegung der Workshops und anschließenden Konferenz mit geretteten Lebensmitteln zubereitet. „Issmich“ konnte also direkt zeigen, wie lecker Mittag- und Abendessen aus Lebensmittel sein kann, die ansonsten in der Tonne gelandet wären. 

Unter folgendem Link könnt ihr außerdem viele weitere Initiativen zur Lebensmittelrettung in ganz Europa finden: https://tool.reducefoodwaste.eu/#/

Könnte man sich ein Konzept wie THE GOOD FOOD flächendeckend vorstellen?

Prinzipiell ja.
Ich habe dazu mit Frau Gudrun Obersteiner vom „Institut für Abfallwirtschaft“ an der Universität für Boden-Kultur in Wien gesprochen, die darauf hinweist, wie wichtig Start-Ups sind, um „Rezepte“ gegen Lebensmittelverschwendung und für Lebensmittelverwertung aufzuzeigen. Was jedoch auf keinen Fall passieren darf ist, dass sich ein „foodwaste Markt“ etabliert, indem wissentlich Lebensmittel überproduziert werden, um durch diesen Kanal zusätzlichen Profit zu schlagen.

Es muss immer zuerst darum gehen, entlang der gesamten Lieferkette so wenig Lebensmittelabfall wie möglich zu produzieren – vom Bauern über die Industrie/Hersteller bis zur Gastronomie und den privaten Haushalten. Der Respekt vor Lebensmitteln muss die Motivation sein, nicht der Profit. Lebensmitteln, die danach trotzdem übrig bleiben, muss eine zweite Chance gegeben werden – z.B. über Konzepte foodsharing oder THE GOOD FOOD.

Wer mehr wissen will, hier eine kleine Film-/Leseliste: