Das The Good Food-Team. Heute: Stefan

Stefan vor dem Büdchen Casablanca in Sülz

Mehr als 80 Ehrenamtliche engagieren sich bei The Good Food. Hier könnt ihr uns besser kennenlernen: Im Blog stellen wir euch in loser Folge Mitglieder unseres Teams vor. Diesmal haben wir mit Stefan gesprochen. Er macht zweimal die Woche Ladendienst, einmal im Ehrenfelder Laden, einmal im Büdchen Casablanca in Sülz, und fährt mindestens einmal im Monat mit auf Bauernfahrt. Was ihn daran begeistert, hat er uns im Interview erzählt.

Stefan, wie bist du zu The Good Food gekommen?

Seit ein paar Jahren sind Zero Waste und Lebensmittelverschwendung wichtige Themen für mich. Ich musste da erstmal reinwachsen: Vor vier bis fünf Jahren war Nachhaltigkeit weder in meinem Wortschatz, noch in meinem Lebenswandel vorhanden, wenn ich ganz ehrlich bin. Kurz nach meinem Studium kam dann eine Phase, in der ich mir jede Woche ein eigenes Projekt vorgenommen habe. In einer Woche habe ich täglich etwas Nachhaltiges gemacht, und das hat den Schalter bei mir umgelegt. Seitdem habe ich verschiedene Verhaltensmuster in meinen Alltag integriert, zum Beispiel möglichst viel Unverpacktes zu kaufen, immer einen Baumwollbeutel dabei zu haben und so etwas.

The Good Food kannte ich schon, bevor ich im Sommer 2019 nach Köln gezogen bin. Es ist mir irgendwo im Netz begegnet, in der Nachhaltigkeitsbubble, und ich war sofort begeistert von der Idee. Deshalb habe ich mich relativ bald im Ehrenfelder Laden einarbeiten lassen, sobald ich in Köln lebte.

Du widmest The Good Food mindestens zwei Tage pro Woche. Wie kriegst du das hin?

Ich habe das Riesenglück, durch meinen Beruf total flexibel zu sein: Ich betreibe ein Online-Portal, auf dem ich kostenlose Hörbücher und Podcasts zusammenstelle und kuratiere. Davon kann ich leben, ohne unbedingt jeden Tag am Rechner sitzen zu müssen. Viele Aufgaben lassen sich aufschieben, so dass ich zum Beispiel spontan bei Bauerntouren einspringen kann, wenn da Leute fehlen.

Diese Luxus-Situation macht es mir möglich, meine Zeit eben auch für mein Ehrenamt zu „spenden“. Trotzdem bekomme ich ja viel: Ich engagiere mich für eine gute Sache, lerne nette Leute kennen … Und es gibt natürlich noch etwas, warum es total cool ist, sich gegen Lebensmittelverschwendung einzusetzen: Man bekommt einfach ganz viel zu essen, das man davor gerettet hat, unnötig weggeschmissen zu werden. Man tut also was gegen etwas Schlechtes und hat selbst etwas Schönes davon! Es gibt nix Besseres. Wenn ich mir was zu essen mache, denke ich, wie cool das ist, dass da etwas Tolles auf meinem Teller landet, was vernichtet werden sollte.

Als Teammitglieder können wir uns Lebensmittel als eine Art Bezahlung mitnehmen. So spart man ja auch Geld …

Das ist auf jeden Fall so. Ich führe eine Art Haushaltsbuch in einer App, und merke schon, dass ich weniger ausgebe, seit ich bei The Good Food bin. Mindestens die Hälfte von dem, was ich esse, ist gerettet. Ab und zu kaufe ich Gemüse, wenn ich etwas Spezielles kochen will. Und Brötchen kaufe ich regelmäßig, obwohl wir ja bei The Good Food auch jede Menge Backwaren retten. Bloß habe ich leider zu wenig Tiefkühl-Kapazität, sonst würde ich das gerettete Brot einfrieren und aufbacken, dann schmeckt es ja wie frisch gebacken.

Auch meine Vorräte stammen immer mehr von The Good Food, stelle ich fest. Denn wir retten auch richtig viele Standardlebensmittel: passierte Tomaten, die bei mir in jedes zweite Gericht kommen, Margarine, vegetarische Aufstriche, Bulgur, Sesam, Nudeln …

Und trotz abgelaufenem Mindesthaltbarkeitsdatum hat immer alles geschmeckt?

Ja klar, die Lebensmittel sind einwandfrei. Mein Lieblingsbeispiel, das ich auch immer wieder den Kunden erzähle, sind Aufstriche mit einem Mindesthaltbarkeitsdatum in 2017. Die sind also wirklich schon ziemlich lange abgelaufen, schmecken aber prima. Die Gläser werden industriell vakuumiert, deshalb kann man die Aufstriche wahrscheinlich in 50 Jahren noch essen. Im Zweifelsfall riecht man einfach vorher dran und probiert etwas. Der gesunde Menschenverstand sagt da mehr als ein aufgedrucktes Datum.

Was begeistert dich bei The Good Food besonders?

Mich beeindruckt immer wieder zu merken, wie viele gerettete Lebensmittel wir wirklich unter die Leute bringen. Die Regale, egal wie voll wir sie packen, sind immer nach ein paar Tagen wieder leer. Sehr deutlich wird das, wenn ich am Dienstag bei der Bauerntour dabei bin und wir 80 oder 90 Kisten voller Gemüse mitbringen. Wenn ich dann donnerstags morgens zum Ladendienst komme, stehen nur noch ein paar Kisten im Keller. Das finde ich immer total schön zu sehen. Gerade weil die Bauerntouren zwar Spaß machen, aber auch anstrengend sind. Im Laden sieht man, wofür man es macht, und dass es sich lohnt, weil die Sachen sofort gekauft und gegessen werden.

Erzähl mal etwas aus deinen Ladendiensten!

Schön ist zum Beispiel das gemeinsame Rätselraten, wenn man nicht weiß, was ein bestimmtes Gemüse ist. Wir sind ein großes Team, da geht immer mal eine Info unter. Dann fragen die Kunden einen, man weiß es vielleicht auch nicht, dann kommt der nächste Kunde in den Laden und weiß es. Oft werden dann auch noch Verarbeitungstipps ausgetauscht. Das finde ich wunderbar. Da merkt man, wir sind mehr als nur ein Laden, der Lebensmittel verkauft. Das ist eine ganz besondere Stimmung, die unsere Läden ausmacht.

Wie funktioniert deiner Wahrnehmung nach das Bezahl-was-es-dir-wert-ist-Prinzip, also dass der Kunde entscheidet, was er zahlen möchte?

Das Prinzip hat Vor- und Nachteile. Es fordert natürlich alle ein wenig heraus, weil sie sich mit dem Wert von Lebensmitteln auseinandersetzen müssen. Das ist ja auch gewollt. Ich denke, die Kunden, die regelmäßig kommen, haben ein Gefühl dafür, was man gibt. Und auch wir im Ladendienst lernen immer dazu. Wenn zum Beispiel ein Kunde sehr wenig gibt, hat man schnell das Gefühl, ausgenutzt zu werden. Ich erinnere mich an eine Situation, die mir bis heute nachgeht: Ein Kunde zahlte einen sehr kleinen Betrag, nahm aber zwei Tafeln Schokolade mit. Mein erster Impuls war zu denken: Wenn du wenig Geld hast, dann beschränk dich doch auf die Grundnahrungsmittel! Doch dann merkte ich: Hä, wer bin ich denn, darüber zu entscheiden, wer sich Schokolade gönnen darf und wer nicht … Ich weiß ja nichts darüber, wie es den Leuten geht. Das war eine wichtige Erfahrung.

Andere Kunden zahlen dafür mehr, und solange es sich die Waage hält, funktioniert es. The Good Food läuft ja nun schon seit 3,5 Jahren ziemlich gut, also scheint es in der Summe aufzugehen. Und das ist doch ein toller Beweis dafür, dass kleine Utopien Wirklichkeit werden können!

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